Erlebnisbericht: Der Küstenweg (Camino de la Costa, Camino del Norte)

Viele sagen, der Küstenweg sei der schönste Jakobsweg nach Santiago. Bizarre Landschaft und raues Meer. Diese Aussage wollte ich überprüfen. Im September 2011 war es bei mir endlich soweit!

Alle Jakobswege verlaufen auf historisch hochinteressanten Routen. Als Fußpilger gehe ich auf sehr alten Wegen, die Autofahrern heute versperrt sind. Es geht von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Zuerst sieht man zuerst den Kirchturm, dann die ersten Häuser des Ortes. Schritt für Schritt vorwärts.

Irún erreichte ich am frühen Morgen. Gleich nach dem ersten Anstieg hat man den Blick auf das Meer. Ich wusste, jetzt bin ich am Küstenweg. Der Geruch von Meer begleitete mich fast auf der ganzen Reise.

Meine erste Tagesetappe wählte ich nur bis Pasai Donibane, da ich die Nacht zuvor wenig geschlafen hatte. Mir war gleich klar, dass dieser Camino etwas Einzigartiges werden wird. Es mischen sich Pilger mit Touristen und man ist anfangs im Baskenland. Überall Plakate und Banner mit Aufschriften für die Unabhängigkeit! Eine spanische Pilgerin beruhigte mich mit den Worten: „Der bewaffnete Kampf ist vorbei!“

Hier am Küstenweg braucht man öfter ein Boot um weiterzukommen. Bereits am nächsten Morgen schipperte ich für 1 € über die Bucht um meine Pilgerschaft fortsetzen zu können. Der Camino de la Costa ist nicht der einfachste! – Es sind immer wieder Berge zu bezwingen und beim Wandern am Strand ist man auch nicht der Schnellste. Entschädigt wird man aber mit Ausblicken, die nie ein Fahrradpilger zu sehen bekommen wird.

Tipp: Ich gehe immer mit zwei Trekkingstöcken. Diese ziehen mich bergauf und entlasten bergab die Füße!

Der Weg führte mich nach San Sebastian/Donostia, die Stadt mit den drei Stränden. An diesen lagen Touristen auf Strandtüchern und Liegestühlen. Als Pilger ist mir hier etwas Besonderes. Auch wenn täglich über hundert Pilger unterwegs sind, so bleiben sie, verglichen mit den Urlaubern, eine Minderheit.  Hinter San Sebastian geht es steil bergauf. Es folgen kleinere Orte - Berge und Strand wechseln sich ab. Meist gab es am frühen Morgen etwas Nieselregen. Ich empfand dies nicht als unangenehm, sondern eher als ein Naturschauspiel.

Ich erreichte Zarautz, das Hawaii des Baskenlandes, wie der Reiseführer schrieb. Breiter Strand und nur wenige Touristen. Solch leere Strände kannte ich bisher in Spanien nicht. Auch wenn es anstrengend ist, so ist das Pilgern auf Sand ein sinnliches Erlebnis. Wie ein Kleinkind geht man in der Nähe des Wassers und weicht jeder Welle mehr oder weniger gut aus. Das Geräusch des Wassers klang wie eine Melodie aus der Natur.

Hinter Zarautz geht es an einer Uferpromenade nach Getaria. Mir kamen Jogger entgegen.  Pilgern ist doch auch irgendwie Sport, dachte ich. Ich habe doch Alles – Bewegung und frische Luft!

Es ging wieder über einen Berg und ich hatte wieder diese Panoramablicke. Von Weitem sah ich schon die Kirche von Zumaia. Erst die Natur, dann diese einzigartigen Bauwerke – Welch spiritueller Impuls!

Viele Lokale bieten Pilgermenüs an. Hier trifft man sich zum Abendessen und zum Austausch. Man erzählt von den Nächten in den überfüllten Herbergen, dem Stöhnen und Schnarchen des Bettnachbars und von Blasen an den Füßen. Doch jeder nimmt dies gern in Kauf. Die Landschaft tröstet über alles hinweg.

Tipp: Gegen überfüllte Herbergen gibt es Hotels, gegen Schnarchen helfen Stöpsel und Blasen hat man nur mit falschen Schuhen.

In Deba gelangt der Pilger in einem Aufzug von der Oberstadt zur Unterstadt. Am Abend war eine große Fiesta. Auf dem Weg bis Santiago wird man oft zu diesen Festen kommen. Ich würde öfter von Einheimischen zum Essen eingeladen. Wenn Menschen am Meer leben, sind sie vielleicht offener. Als Pilger wird man hier am Küstenweg immer herzlich aufgenommen. In der Kathedrale fand ein großes Konzert statt. Gesungen wurden deutschen Arien von Lehar und Mendelssohn Bartholdy. Ich fragte, ob ich mit meinen Trekkingkleidern überhaupt zum Konzert gehen dürfe. Die Frage hätte ich mir sparen können, denn man sah es als besondere Ehre an, wenn Pilger das Konzert besuchen. Diese kulturellen Ereignisse sind nicht selten am Weg.

Über Markina-Xemein und Bolibar gelangte ich etwas abseits vom Meer zum Kloster Zenarruza. Es war früh am Morgen und die Nebel verschwanden langsam über der faszinierenden Landschaft. Die Auf- und Abstiege verlangen von mir gute Kondition. Dass der Küstenweg nicht gleichzusetzen mit einer Strandwanderung ist, war mir natürlich klar. Ich bin auch nur normal sportlich.

Tipp: Lieber Anfangs etwas langsamer gehen und den eigenen Rhythmus finden. Dies ist für mich als Alleinpilger natürlich einfacher als für Paare und Gruppen.

Über Gernika-Lumo und kleine baskische Orte kam ich nach Bilbao. Bilbo, wie die Stadt auf Baskisch heißt, erreicht man über eine Anhöhe. Oben lag dann die ganze Großstadt zu meinen Füßen. Nach dem Abstieg ging es durch die belebte Altstadt. Der Küstenweg führt weiter zum Guggenheim-Museum. Ich wählte den Weg entlang der Bucht nach Portugalete mit seiner Hängebrücke. Später erfuhr ich von einer schöneren Alternative. Mir fielen die vielen Rolltreppen im Ort auf. Obwohl ich Fußpilger war, benutzte ich sie gerne….

Die Strecke des nächsten Tages konnte nicht abwechslungsreicher sein. Zuerst ein geteerter Wanderweg mit Spuren für Radfahrer und Fußgänger, ähh Pilger! Dann folgte Sand und schließlich Küstenweg wie aus dem Bilderbuch. Das Blau des Meeres kann man gar nicht in Worte fassen. Viele Kilometer dieser Ausblick bis nach Castro-Urdiales.

Weiter ging es zuerst in Küstennähe, dann durch das Hinterland, nach Laredo. Nun gab es ein langes Stück Strandpilgern und das Spiel mit den Wellen. Ich brauchte wieder das Boot um nach Santoña zu kommen. Kurz danach musste ich mich auf einen sehr sandigen, steilen Weg über einen Hügel quälen. Der Wind wehte kräftig und der Weg wurde mir auch noch von Ziegen versperrt. Doch dann war er da, der Blick über den Strand von Berria. Es ging hinab zu diesem unendlich breiten Ufer. Viele kamen mir in Badekleidung entgegen. Ich nahm auch ein Bad im Meer. Danach band ich meine Trekkingschuhe an den Rucksack und ging mehrere Kilometer barfuß. Gehen mit allen Sinnen, dies ist nur hier am Küstenweg möglich! Ich fragte mich, ob die Touristen auf dem Banana-Boot den gleichen Spaß hatten.

Das Pilgerzentrum von Pfarrer Ernesto Bustio wurde meine Herberge.  In der Bibliothek des Hauses las ich fast die ganze Nacht.

Tipp: Auch wer in Hotels schläft, sollte dieses „Pilgerdorf“ unbedingt ansehen!

Zurück am Ufer erlebte ich nun Steilküste und Klippen in einer Pracht, wie ich sie nur aus Irland kannte. Den Wind in den Haaren, der Duft des Meeres, die üppige Vegetation, wie soll man das nur beschreiben. Bis zum Bootsableger nach Santander dauerte dieser herrliche Weg. Angekommen in Santander war gerade Mittelaltermarkt, also wieder eine Abwechslung.  Ein wenig abseits vom Meer, kam dann das romantische Santillana del Mar. Es war schon wieder eine Fiesta und wir feierten bis spät in die Nacht. Comillas und San Vicente lagen noch am Weg bis zur Grenze von Asturien. Ich freute mich dort angekommen zu sein. Doch gleich hinter der Landesgrenze folgte ein harter Aufstieg nach Colombres. Ein sportlicher Nachschlag, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Am nächsten Tag folgten wieder Küstenpanorama und die Bufones de Arenillas, Wasser-Fontänen durch ausgehöhltes Kalkgestein. Ein Naturschauspiel der besonderen Art. Ein bisschen Abkühlung durch die Spritzer schadete mir nicht.

Es folgten Llanes und Piñderes, dann Rosamunde-Pilcher-Landschaft bis La Isla. Ich erlebte gerade die kleinen Ortschaften besonders intensiv. Zeit für eine Katze am Weg, Zeit für ein Gespräch mit den Menschen, die den Pilgern immer sehr freundlich gegenüber stehen. Eine kleine Bar, ein kleines Geschäft, oftmals eine Welt aus einer früheren Zeit. Ein Lebensgefühl, das heute gerne mit dem Wort „Entschleunigung“ beschrieben wird.
Hinter  Villaviciosa verlassen die Pilger des Camino Primitivo den Weg.

Tipp: Lieber den Camino de la Costa komplett gehen und den Camino Primitivo ein anderes Mal! Am Meer bleiben lohnt sich!

Ich ging weiter nach Gijón. Die Zeit für den kleinen Umweg zur Spitze der Halbinsel nahm ich mir. Hinter Gijón ging es erst durch ein Industriegebiet. Die Stadt Avilés mit ihren Säulengängen lud mich zum Übernachten ein. Über El Pito und Cadavedo kam ich schließlich nach Luarca. Die Stadt liegt tief in einer schützenden Bucht. Mir verliehen die steilen Felswände ein bedrückendes Gefühl. Alles schön zum Ansehen, aber leben könnte ich hier nicht.

Jetzt wurde es schön langsam Zeit für das letzte Bad im Meer. Ich war kurz vor Ribadeo. Dort traf ich zwei Pilgerinnen mit ihren Hunden. Beide Hunde hatten ihren eigenen Hunderucksack.  Abends gingen wir Pilger wie so oft zum gemeinsamen Essen. Es war die letzte Gelegenheit, Fisch direkt am Meer zu essen.

Tipp: Unbedingt zum Meerfrüchteessen gehen!

„Heute wird mich der treue Freund an meiner rechten Seite verlassen.“ Werde ich sein Rauschen, seine sanfte Briese, seine Unendlichkeit vermissen??“

Über die Berge auf schönen Höhenwegen geht es durch das grüne Galicien. Ich wanderte durch die Bischofstadt Mondoñedo, die Orte Gontán, Vilalba und Baamonde. In den kleineren Orten erlebte ich auch die neue Armut seit der Finanzkrise. Geschlossene Läden und arbeitslose Jugendliche.

Das Meer fehlte mir ein wenig, dafür hatte ich jetzt den Duft der Eukalyptusbäume. Der Weg führte zum Haus eines Bildhauers. Viele Jakobsmuscheln und Skulpturen wurden von ihm geschaffen. Ich bekam von ihm ein Wachssiegel als Pilgerstempel für meinen Ausweis. Das Kloster Sobrado dos Monxes mit seinen freundlichen Mönchen fand ich auch besonders interessant.

Kurz vor Santa Irene betrat ich auf den Camino Francés. Über den Monte do Gozo erreicht ich am nächsten Tag Santiago de Compostela. Als „Nordwegpilger“ holte ich mir meine Compostela im Pilgerbüro ab. Ich musste den übrigen Pilgern viel von meinen 30 Tagen auf dem Küstenweg erzählen, was ich sehr gerne tat.
Ich blieb noch für drei Tage in Santiago. Ich besuchte die Pilgermesse, sah das Schwenken des Weihrauchkessels, ging zu den Pilgermenüs und saß mit netten Menschen vor der Kathedrale.

***

Der Weg war eine persönliche und auch sportliche Herausforderung. Umso schöner ist das Gefühl, es letztendlich geschafft zu haben!

Das irre Blau des Meeres, die steilen Küsten, die grünen Berge, das Gelb der Stände, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, romantische Städte! Als Fußpilger konnte ich an den schönsten Ausblicken der Welt einfach stehen bleiben.

Ich kehre reich an neun Erfahrungen zurück nach Deutschland. Das beschauliche Leben auf dem Weg, das für mich doch so erfüllend war. Hiervon kann ich heute noch zerren. 

Alexander Bürger

Bilder zum Erlebnisbericht „Camino de la Costa“

Pasajes de San Juan
Pasajes de San Juan

San Sebastián
San Sebastián

Puente Colgante
Puente Colgante

Strand bei La Arena
Strand bei La Arena

Strand von Berria
Strand von Berria

Blick auf Santander
Blick auf Santander

Santillana del Mar
Santillana del Mar

Stand hinter Llanes
Stand hinter Llanes

Gijón
Gijón

Avilés
Avilés

Luarca
Luarca

Durch das grüne Galicien
Durch das grüne Galicien

Sobrado dos Monxes
Sobrado dos Monxes

Santiago de Compostela
Santiago de Compostela