Erlebnisbericht: Via de la Plata

Auf den Jakobsweg wurde ich 2006 in meinem Spanisch-Lehrbuch aufmerksam. Zuvor war ich Strandurlauber, Kulturreisender und Globetrotter. Viele Berichte und Bücher zum Thema „Jakobsweg“ ließen mich nicht mehr los. Es war 2007 an der Zeit für den ersten „Gehversuch“ auf dem berühmten Camino Francés.

Ich gewöhnte mich schnell an die menschliche Geschwindigkeit von rund 5 Kilometern in der Stunde. Täglich dieser gleiche Rhythmus von Aufstehen, Wandern, Essen und Schlafen brachte mir eine große Zufriedenheit. Ich fand mich beim Pilgern selber. Heute weiß ich, was mir im Leben wichtig ist.

Wer dem „Santiago-Virus“ verfallen ist, wird immer nach neuen Wegen suchen. So wählte ich Ende August 2010 die Vía de la Plata, mit dem Ausgangspunkt Sevilla. Die Route wurde früher nur von Pilgern aus dem Süden Spaniens benutzt. Als ich den Großraum der Stadt verlassen hatte, lag sie nun vor mir, eine endlose, sandige, gerade Piste. Nach mehreren Kilometern war Guillena, ein typisches weißes Dorf von Andalusien zu sehen. Ein schönes Gefühl sich am kalten Brunnen das Salz von der Stirn zu waschen. Es waren nicht viele Pilger im Ort, doch es bildete sich gleich eine Art Gruppe.

Die nächsten beiden Tage ging es durch zwei Nationalparks. Den schweißtreibenden Aufstieg bei 40 Grad im Schatten, kurz vor Almadén de la Plata, empfand ich als sehr anstrengend. So wirklich sportlich bin ich nicht! Die ersten Tage sind für mich immer ein wenig anstrengend, doch so nach und nach gewöhnt sich mein Körper an die Herausforderung.

Zwischen El Real de la Jara und Monesterio liegt die Grenze zur Extremadura.
Die Extremdara, dieses karge, schwach besiedelte Land, mitten auf der iberischen Halbinsel war mir noch unbekannt. Pilgern heißt: „In der Fremde sein“ – deshalb reizen mich wohl unbekannte Landstriche besonders.

So sahen die nächsten Tage aus: Zwischen Start und Tagesziel lag höchstens eine kleine Eremitage. Es ging über Weiden, durch Eichenwälder oder durch „Leere“.

Ich setzte einen Fuß vor dem anderen. Mehrere Stunden durch dieses Nichts. Bleibt man stehen und es verstummt das Klick-Klack der Trekkingstöcke, hört man nur noch die Stille, unterbrochen vielleicht durch einen leichten, warmen Windstross. Ich setzte mich oft für eine Pause unter einen schattigen Baum. Jedes Geräusch der Blätter kann man in dieser Stille wahrnehmen.

Tipp: Obwohl ich der typische Alleinpilger bin, ging ich diesen Streckenabschnitt in der Gruppe. Man sollte auf keinen Fall mit zu wenig Wasser losgehen. Die Wegmarkierung ist gut, trotzdem sollte man auf jeden gelben Pfeil genau achten!

Das Tagesziel Zafra hatte ich zur Siesta erreicht. So blieb es für meine Ohren noch ein wenig ruhig. Die Fußgängerzone war wie ausgestorben. Das sollte sich gegen 6 Uhr abends schlagartig ändern.

Hinter Zafra geht man durch Olivenplantagen. In dieser Leere sind die kleinen Orte mit ihren Kirchen ein besonderes Erlebnis. Sie bieten Gelegenheit für Besinnlichkeit und Abkühlung. Leider sind auf die Vía de la Plate oftmals die Kirchen verschlossen.

Der Camino führte mich weiter nach Mérida, der Hauptstadt der Extremadura. Das laute Geräusch der Trekkingstücke auf dem Kopfsteinpflaster der alten Römerbrücke habe ich noch gut in Erinnerung. Gleich hinter der Bücke eine kleine Grünanlage. Jetzt fiel mir so richtig auf, wie lange ich kein so intensives Grün mehr gesehen hatte. Auf der Vía de la Plata fallen Kleinigkeiten auf, die man anderswo nicht mehr wahrnimmt.

Pflichtprogramm war natürlich das Amphitheater. Inzwischen waren wir täglich etwa 30 Pilger, die sich mehr oder weniger gut verstanden.

Hinter Mérida liegt ein Stausee aus der Römerzeit. Auch zu Wasser bekommt man dieser Gegend ein ganz anderes Verhältnis. Ich kochte morgens immer Tee, den ich in meine Trinkflasche füllte. Tee erwies sich als das einzige Getränk, dass man in lauwarmen Zustand gut trinken konnte.

Es folgten vier Tage durch herb-schöne Landschaft. Bäume, Sträucher, Meilensteine, ein Esel und natürlich die vielen Störche. Alles wird zur Besonderheit. Man entdeckt die Schönheit in jedem noch so kleinen Detail. Auch das Entspannen in einem Dorfschwimmbad wird zum Wellness-Erlebnis.

Cáceres die Stadt aus einer anderen Zeit wartete auf uns. Der Stadtkern ist unverändert seit dem Mittelalter! Ich erlebte die Stadt wie der Pilger im Mittelalter!

Die Vía zeigt wieder ihre schön-bizarre Landschaft bis Galisteo. Die Ruhe und Stille, wollte ich aber inzwischen nicht mehr missen. Galisteo mit seiner voll erhaltenen Stadtmauer lud mich zum verweilen ein.

Am nächsten Tag ging der Weg zum berühmten Arco de Cáparra, der Bogen der Römerstadt, die seit Jahrhunderten in Trümmern liegt. Unter dem Arco treffen sich die Pilger, einige schliefen sogar darunter. Von hier kann man schon das Kastilische Scheidegebirge sehen. Das Ende der Extremadura, dem Land, welches ich inzwischen lieben gelernt hatte.

Die vielen kleinen Hügel und Berge sind nicht die Schwierigkeit der Vía de la Plata, es sind die Temperaturen. Hieran muss sich der Mitteleuropäer gewöhnen.

Tipp: Niemals vor September die Tour beginnen. Auch das Frühjahr ist geeignet!

Fuenterroble de Salvatierra in Kastilien-Leon begrüßte mich mit deutlich niedrigeren Temperaturen und grünerer Landschaft. Weiter ging es zum Cruz de Santiago auf immerhin 1.150 Metern hinauf. Das erste wirkliche Bergerlebnis auf der ganzen bisherigen Pilgerschaft. Am Gipfel konnte ich schon Salamanca sehen. Hier in Salamanca ist rund der halbe Weg bis Santiago geschafft. Eine sehr steinige Landschaft begleitete mich bis Salamanca.

Meine Erfahrungen war bisher nur positiv. Die Vía de la Plate macht aus den Pilgern eine Gemeinschaft. Menschen, die sich in diesen 20 Tagen kennen und verstehen gelernt haben. Hier passt einer auf den anderen auf. Man hilft sich notfalls mit Wasser, Medikamenten oder Lebensmitteln aus. Die dünnbesiedelte Landschaft schweißt zusammen. Ein Gruppenerlebnis, das man kaum anderswo finden wird.

In Salamanca war gerade Stadtfest, eine nette Abwechslung für uns. Salamanca bringt den Pilger zurück in das schnelle und laute Stadtleben. Auf der Plaza Major, dem wohl schönsten Platz Spaniens, feierten wir die halbe Strecke.

Laut war es nur für kurze Zeit! Es folgten wieder zwei ruhigere, aber landschaftlich schöne Tage bis Zamora. An einer Stelle stach mir das Grün der Bäume ins Auge! Ein Erlebnis, das wohl nur der Pilger aus Sevilla hat. Die vielen schönen Dorfkirchen luden auch in diesen Tagen mich immer wieder zum Verweilen ein.

Zamora mit seiner Kathedrale konnte man schon von Weitem sehen. Doch der Weg dorthin dauert länger als man denkt. Dieses „Erarbeiten“ der Städte hat eben seinen ganz besonderen Reiz.

Hinter Zamara liegt die eigentliche Meseta der Vía de la Plata. Rund eine Stunde geht es durch das „Nichts“. Ich genoss dieses spirituelle Erlebnis. Nach der Trockenheit folgt das Wasser des Ricobayo-Stausees. An Abwechslung fehlt es nun wirklich nicht. Tagesziel war Granja de Moreruela, wo ich über den Camino Sanabrés meine Pilgerschaft fortsetzte.

Tipp: Wer in Granja de Moreruela Richtig Astorga geht, wird sich mit den vielen Pilgern am Camino Francés schwer tun. Die Route über Ourense die ruhigere.

Jetzt ging es weiter nach Tábara. Am Horizont tauchten schon Berge auf. Nach weiteren drei abwechslungsreichen Tagen war Puebla de Sanabria erreicht. Der Weg führte mich durch verkohlte Bäume, die den Waldbränden des Vorjahres zum Opfer gefallen waren. Die neuen gelben Pfeilmarkierungen leuchteten mir den Weg durch das Schwarz.

In der Stadt waren viele Sonntagsausflügler auf den Straßen. Über Requejo mit seinen schönen Steinhäusern folgt der Anstieg zum höchsten Punkt der Pilgerschaft, dem Puerto de Padornelol. Mit seinen 1.355 Metern wirklich keine große Herausforderung für mich als inzwischen eingelaufenem Wanderer. Hinab ging es nach Lubián, dem letzen Ort in Kastilien-Leon.

Galicien wird über den Puerto de A Canda erreicht. Die kleine Stadt A Gudiña wirkte auf mich einfach nicht wie Spanien. Einige Autobesitzer zeigen ihre Verschiedenheit zu España auch mit Aufklebern GZ statt E!!

Hinter der Stadt folgte ein Höhenweg durch verlassene Bergdörfer. Morgennebel ersteckte sich über die Berge, sattes Grün, Blumenfelder und eine kalter Wind…. - Die Reise begann doch ganz anders? - Es waren jetzt Höhenmeter zu machen. Sicherlich nicht viele, aber Galicien mit seinen Bergen hatte mich im Griff. Es ging bis Xunqueira de Ambía, wo gerade Dorffest gefeiert wird. Etwa zehn spanische Pilger sahen mich und baten mich zu ihrem Tisch. Wir aßen „Pulpo“, dass „Nationalgericht“ Galiciens. Auch wenn die Anzahlt der Pilger stieg, so ist es doch kein Vergleich mit dem Camino Francés.

Es ging nach Ourense, die Stadt mit ihren heißen Quellen. Endlos zieht sich die Straße bis zum Zentrum. Erst am ehemaligen Kloster, heute Pilgerherberge, sieht man die Kathedrale im Tal. Als Pilger suche ich immer nach den Gotteshäusern. Ich nutzte den Tag für Erholung in den Thermen. Abends gab es in der Stadt noch ein großes Pilgerfestival.

Der Kapitelsaal des Klosters Oseira mit seinen asymmetrischen Säulen war auch ein spirituelles Erlebnis eigener Art. Mir wurde wie den meisten Pilgern in diesem Raum schwindelig.

Kommt man von der Vía de la Plata, führt der Weg über einen letzten Hügel und man hat den Blick auf die Kathedrale von Santiago de Compostela. Jetzt dachte ich nochmals zurück an die ganze Pilgerschaft. „Kann es sein, dass ich tatsächlich rund 1.000 Kilometer gewandert bin?“ Der Beginn meiner Wanderschaft lag schon über 40 Tage zurück.

In Santiago ging ich zum Abholen der Compostela. „Sie sind die Vía de la Plate gegangen?“ So oder ähnlich wird man gleich begrüßt. Denn man gehört zu einer Minderheit.

eben der beeindruckenden Pilgermesse ist mir noch der Abend am Platz vor der Kathedrale in guter Erinnerung. Die Pilger saßen auf dem Boden und feierten ihre Ankunft bis spät in die Nacht. So interessant wie die Landschaft waren auch die Menschen der Vía de la Plata!

***

Es war eine Pilgerschaft der ganz besonderen Art. Für mich ist die Vía de la Plata ein Ort, wo man die reizüberflutete Alltagswelt einfach vergessen kann… Ein Ort der Stille, der inneren Einkehr, der Zurückbesinnung auf das Wesentliche.

Zuerst zur Ruhe kommen in der Halbwüste der Extremadura, und ab Salamanca sanft und langsam ins Leben zurückgeholt zu werden. Einzigartig!

Diese Ruhe nahm ich lange in den Alltag mit. Die Freude über Kleinigkeiten hält bis heute an.

Alexander Bürger

 

Bilder zum Erlebnisbericht „Via de la Plata“

Kathedrale von Sevilla
Kathedrale von Sevilla

Blick auf Guillena
Blick auf Guillena

El Real de la Jara während der Siesta
El Real de la Jara während der Siesta

Das „Nichts“ der Via de la Plata
Das „Nichts“ der Via de la Plata

Zafra
Zafra

Mérida
Mérida

Cáceres
Cáceres

Cápara
Cápara

Muschelhaus in Salamanca
Muschelhaus in Salamanca

Zamora
Zamora

Die “Meseta” der Via de la Plata
Die “Meseta” der Via de la Plata

Puebla de Sanabria
Puebla de Sanabria

Verlassene Bergdörfer in Galicien
Verlassene Bergdörfer in Galicien

Ourense
Ourense

Monasterio de Oseira
Monasterio de Oseira

Santiago de Compostala
Santiago de Compostala